Lukas Stebler war gerade 20, als er rapide sein Sehvermögen verlor. Heute arbeitet er in seinem Traumjob. Ein Gespräch über einen Neuanfang.
«Rente? Ich will doch keine Rente. Ich bin 20!» Als Lukas Stebler die Entscheidung zu treffen hatte, wie er fortan leben möchte, hatte er den ersten Schock bereits verdaut. Er war an der Nervenkrankheit Multiple Sklerose (MS) erkrankt und verlor in rasantem Tempo sein Augenlicht. Die Invalidenversicherung hatte seinen Anspruch anerkannt. Doch auf die Frage, ob er lieber eine Rente beziehen oder eine Wiedereingliederung anstreben möchte, gab es für ihn nur eine Antwort. «In meinem Alter und mit dieser Leidenschaft: Ich will schaffen können.» Der Weg zum Traumberuf verlief über Umwege. Doch inzwischen hat der heute 30-Jährige als Medizinischer Masseur seine Berufung gefunden.
Klassisch und ungewöhnlich
«Wir haben uns eigentlich klassisch gefunden. Wir haben einen Mitarbeiter gesucht und er hat sich beworben», berichtet Patricia Lincalzi, die Gründerin der Praxis für Medizinische Massagen in Rapperswil-Jona. Zunächst ging es natürlich darum, herauszufinden, ob er ins Team passt und die entsprechenden Fähigkeiten mitbringt. Doch heute sagt sie: «Für uns ist es ein grosses Geschenk. Er lernt uns vieles und zeigt uns Dinge auf, über die wir früher nicht nachgedacht haben, weil es für uns selbstverständlich war. Und das Feedback von den Leuten ist unglaublich gut.» Ein blinder medizinischer Masseur – das finden viele erst einmal spannend. «Die Kunden sind von Anfang an offener mir gegenüber», bestätigt Lukas Stebler. «Sie sind eher neugierig. Dann erkläre ich kurz, warum ich Kopfhörer trage und wie der Ablauf ist, und dann geht es an die Therapie.»
Zeit der Ungewissheit
Eine Zeit lang war nicht klar, warum Lukas sein Sehvermögen verlor. Die Diagnose MS lässt sich nicht sofort stellen, da die Ärzte abwarten müssen, bis es mehrere Krankheitsaktivitäten gibt. Lukas hatte zuvor eine Lehre als Elektroinstallateur begonnen, eine als Detailhandelsfachmann EFZ abgeschlossen und Karriere bei McDonald’s gemacht. Lange Zeit hatte er gehofft, zurückkehren zu können. «Irgendwann ist mir klar geworden, das wird nichts mehr.»
Kampf mit sich selbst
Die grösste Herausforderung zu Beginn: «Ich selber. Mit Anfang 20 war das schwerste, dass ich mit mir selber klar komme. Einerseits bin ich jung, aktiv, fit und gesund gewesen, und plötzlich kommt so ein herber Schlag und versetzt dich in einen bettlägerigen Zustand.» Die schweren Nebenwirkungen fesselten ihn ans Bett. «Die Energie zu fassen und die Motivation zu finden, wieder zu leben, das hat schon einen Moment gebraucht.» Er setzte die Medikamente ab, um wieder «frei» zu sein, wie er sagt. Und begann zu lernen. «Als der Entscheid gefallen war, bin ich sehr willig gewesen, alles zu lernen, was geht.»
Er zog ins Blindenhaus Zürich, nahm einen Job als Service-Mitarbeiter im Dunkel-Restaurant «Blinde Kuh» an und lernte an der Schweizerischen Fachstelle für Sehbehinderte im beruflichen Umfeld (SIBU) in Basel, mit dem PC umzugehen. Heute ist er anerkannter Medizinischer Masseur und hat seinen Traumberuf gefunden. «Ich bin mega-happy damit. Für mich ist das kein Schaffen, sondern ich lebe mein Hobby aus.» Was ihm am meisten an seinem Job gefällt? «Das Arbeiten mit den Mitmenschen, ihnen helfen zu können. Wenn ich dann ein gutes Feedback erhalte, das ist es, was mir Freude bereitet. Dass ich den Leuten bei ihren gesundheitlichen Problemen habe helfen können.»
Seltene Krankheitsform
Es ist schwer zu beziffern, wie stark sein Sehvermögen eingeschränkt ist. «Es hilft keine Brille, keine Linse, es geht auch keine Operation. Es ist sehr, sehr selten, dass es so stark ist.» Lukas hat das Beste aus seiner Situation gemacht und verliert auch die Hoffnung nicht. «Es ist so eine zweigleisige Schiene. Einerseits ist es mein Beruf und meine Leidenschaft, die ich genau so ausüben kann mit meinen Stärken und Schwächen. Das andere ist natürlich die Hoffnung, die stirbt nie, dass ich irgendwann wieder sehen kann. Jeder Augenarzt hat mir bestätigt, dass die Augen eigentlich gesund sind. Die Augen nehmen etwas wahr, aber das Gehirn kann es nicht verarbeiten. Und von daher ist natürlich die Hoffnung da – hey, vielleicht kommt es irgendwann wieder.»
Vorerst aber will sich Lukas Stebler in seinem Beruf weiterbilden und spezialisieren. Und immer weiter lernen, bis – wer weiss – es eine «wirkliche» Rente gibt.
Rafael Muñoz






