Erst vor 100 Jahren gab Graubünden Gas

Ein Bild aus guten, alten autofreien Tagen: Ein Pferd (mit 1 PS ...) schleppt im bündnerischen Malans ein Automobil ab. Bis 1925 galt auf den meisten Bündner Strassen ein Auto-Verbot. (Foto: zVg)

Kaum zu glauben: Stand 2023 waren in Graubünden 117 974 Autos immatrikuliert. Dabei wehrten sich die Bündner bis vor 100 Jahren mit Haut und Haaren gegen das «lärmende, stinkende Ungetüm» namens Automobil.

100 Jahre Automobil im Kanton Graubünden – das müsste ein Fest wert sein. Zwischen 1900 und 1925 bestand im grössten Kanton der Schweiz ein Autoverbot. Es brauchte 9 (!) Volksabstimmungen, bis man im Alpen-Kanton die Autos über alle Strassen brettern liess.

Das erste Auto in der Schweiz wurde bereits 1896 an der Landesausstellung in Genf gezeigt. Der erste Bündner, der ein Auto besass, war Grossrat Gaudenz Issler (1853 – 1943) aus Davos. Er kaufte es 1897 laut blog.nationalmuseum.ch mit dem Vorbehalt, dass er es zurückgeben konnte, wenn er nicht damit zufrieden war. Er gab es bald wieder zurück mit der Begründung, dass die Davoser Landstrassen für das Auto nicht geeignet seien.

Pferde schleppten Autos
Am 24. August 1900 erliess der Kleine Rat des Kantons Graubünden ein Autoverbot auf sämtlichen Strassen. Zuvor hatte es mehrere Klagen gegen die motorisierten Ungetüme gegeben, deren Tempo, Lärm und Gestank eine Gefahr für die übrigen Verkehrsteilnehmer darstellten. Die Politiker schrieben: «Da Fälle vorgekommen sind, in denen durch das Befahren der Strassen mit Automobilen der Post- und Fahrverkehr überhaupt gefährdet wurde, und da sich solche Fälle wiederholen und zu eigentlichen Katastrophen führen könnten, beschliesst der Kleine Rat: Das Fahren mit Automobilen auf sämtlichen Strassen des Kantons Graubünden ist verboten.» Wer trotzdem mit seinem Automobil durch das Bündnerland fahren wollte, musste sich von einem Pferdegespann über die Strassen schleppen lassen.

Deutscher Spott
In der Folge gab es in den nächsten 25 Jahren gleich neun Volksabstimmungen. Gelockert wurde das totale Auto-Verbot durch einen Grossratsbeschluss im Frühling 1910. Der Verkehr wurde von der St. Gallischen Kantonsgrenze bei der Tardisbrücke bis nach Chur gegen Bezahlung einer Taxe freigegeben. Doch das vom einsetzenden Durchgangsverkehr geplagte Dorf Zizers mit seiner schmalen Dorfstrasse führte darauf eine Initiative an, die die Rückkehr zum totalen Autoverbot forderte. Die Zizerser hatten Erfolg. Das Auto wurde wieder von den Strassen verbannt.

Auch viele Touristen-Orte waren gegen das Auto. «Die Ruhesuchenden aus Hamburg, Berlin oder London wollen kein Grossstadt-Treiben in der Sommerfrische, keine durchsausenden Automobilisten, keine jagenden Sportsleute, die den sesshaften Stammgast verdrängen, keine staubaufwirbelnden und übel riechenden Dinger», war in der Lokalpresse zu lesen. Im Ausland gab’s natürlich Stimmen, die sich über die Bündner Hinterwäldler lustig machten. Der deutsche Schriftsteller Otto Julius Bierbaum (†1910) berichtete spöttisch über «kuhäugiges Erstaunen der schweizerischen Menschen, wenn sie ein Auto erblickten.»

Auf Druck des Eidgenössischen Automobilgesetzes, das die Öffnung mindestens einer Durchfahrtstrasse im Kanton vorschrieb, entschieden sich die Bündner 1923 für die Strecke von der St. Galler Grenze über Chur, die Lenzerheide und den Julier ins Engadin und den Maloja ins Bergell, mit einer Abzweigung durch die Zügenschlucht nach Davos. Dieses Provisorium blieb bis Ende 1924 bestehen.

Bündner sind Auto-verrückt
Am 21. Juni 1925 fiel das Autoverbot in Graubünden endgültig. Stand Ende 2023 waren in Graubünden 117 974 Autos immatrikuliert. Das heisst: Pro 1,74 Einwohner kommt ein Bündner Auto. Zum Vergleich der Kanton Zürich: Da sind’s pro 2,104 Einwohner ein Auto.

100 Jahre danach sind die Bündner Auto-verrückter als die Grossstädter im Unterland.

Max Kern

Back To Top