Pfarrer Ansgar Gmür: «Wir wurden nicht erzogen, sondern dressiert»

Ansgar Gmür ist in einer Ammler Bauernfamilie aufgewachsen. (Foto: zVg)

Er wuchs in armen Verhältnissen in Amden auf und bekleidete diverse Direktorenposten. Mit 63 Jahren entschied er sich für ein Theologiestudium. Heute ist Ansgar Gmür ein humorvoller Pfarrer im Dienste Gottes.

Sie sind in einer kinderreichen Bergbauernfamilie in Amden aufgewachsen. Was sind ihre prägendsten Erinnerungen an die Kindheit im Bergdorf?
Erinnerungen sind der frühe Tod meiner lieben Mutter und das sehr einfache Leben auf dem Bauernhof. Wir hatten keine Zufahrtsstrasse zum Stall und zum Haus. Alles wurde getragen oder mit dem Rapid 606 transportiert. Zudem war das Leben geprägt von arbeiten, arbeiten und arbeiten. Auch sagt jeweils mein Bruder: «Wir wurden nicht erzogen, sondern dressiert!» Härte war angesagt und das sollte mein ganzes Leben prägen.

Nach Ihrer Lehre als Chemielaborant folgten sie dem zweiten Bildungsweg bis zum Uniabschluss. Ist das die Hartnäckigkeit eines Bergbauernsohns?
Unbedingt! Raus aus dem einfachen Leben, Ziele erreichen und etwas in der Welt bewegen. Zudem wollte ich letztlich nicht mehr «arm» sein. Der Ehrgeiz wurde in der Kindheit angestachelt und endete letztlich in dem Gmüren-Zitat: «Geht nicht, gibt’s nicht!»

Sie hatten mehrere Direktorenfunktionen inne, unter anderem 18 Jahre als Direktor des Hauseigentümerverbandes Schweiz. Sind Sie der geborene Beweger und Macher?
Der Beweger und Macher liegt mir in den Genen und ich war und bin sehr aktiv. Zudem wollte ich weiterkommen. Was man nicht ausprobiert hat, bringt nichts, wenn es sinnvoll wäre. Das Zitat von Johann Wolfgang Goethe nahm ich ernst: «Es ist nicht genug, zu wollen, man muss es auch tun.» Meine sprichwörtliche höfliche Hartnäckigkeit ist legendär und brachte mir viele Erfolge ein.

Mit 63 entschieden Sie sich für ein Theologiestudium. Wie kommt man im Pensionsalter auf so eine Idee?
Gott zeigte mir im Schlaf, dass ich viel erreicht hätte, aber für Gottes Reich nicht viel gemacht habe. Ich bekam ein Talent, gut reden zu können. Wenn ich also einmal nach dem Tode vor Gottes Thron trete, will ich auch für ihn gearbeitet haben. So begann ich im hohen Alter das Theologiestudium an der UZH und quälte mich durch die Sprachen alt-hebräisch, alt-griechisch und so weiter. Das war sehr hart und erforderte grosse Disziplin. Gott sei Dank schloss ich nach sechs Jahren das Studium mit dem Master ab. Ein berühmter Parlamentarier, der meinen Gottesdienst besuchte, meinte auf Anfrage: «Schnorre hät er immer guet chöne. Nun hät er aber dr Inhalt gwächselt!» Und wie schrieb die NZZ: «Gmür wird nicht der beste, aber sicher der lustigste Pfarrer».

Sie haben eine Studie zum Immobilienbesitz der Kirchen in der Schweiz verfasst. Was ist ihre Kernaussage zur Studie?
Die reformierten und katholischen Kirchen in der Schweiz verfügen über einen enorm grossen Immobilienbesitz. Dass der grösste Teil der Kirchgemeinden diese nicht aktiv pflegen und auch nicht bewirtschaften, ist tragisch. Was die jeweiligen Kirchen verwalten, sind Steuergelder, nicht ihr eigenes Geld und damit muss man sehr sorgfältig umgehen.

Brauchen die Landeskirchen einen «Kirchen-Immobilien-Verband»?
Sicher nicht. Jedoch kann es nicht sein, dass die Immobilienfirmen mit Immobilien viel Geld verdienen und die Kirchen mit ihren Immobilien viel Geld verlieren.

Sollen Kirchen zu Restaurants oder Ateliers werden, oder was wären alternative Lösungen?
Gemäss meiner breiten Umfrage will man das hier in der Schweiz gar nicht. Das ist in Deutschland und anderen Ländern anders.

Die leer stehenden Immobilien sind eine Folge des Mitgliederschwunds. Wie bringt man, oder wie bringen Sie die Leute in die Kirche?
Die Mitglieder sind als «Kunden» zu betrachten, nicht als «notwendiges Übel». Kunden muss man bei ihren Bedürfnissen abholen und man muss sich auch nachhaltig um sie kümmern. Auch macht es wenig Sinn, wenn man bei jeder neuen Modeströmung der Gesellschaft mitmacht, wie dies die reformierte Landeskirche oftmals tut.

Was ist die Botschaft, die Sie in Ihren Predigten den Besuchern vermitteln wollen?
Die Botschaft Gottes macht frei und man findet den Sinn des Lebens. Die heutige Gier nach Geld ist unerträglich und es macht doch wenig Sinn, der reichste Mann auf dem Friedhof zu sein.

Sven Gasser

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