Bauern frassen Kühen Gras weg

Ein Gemälde aus dem Jahr ohne Sommer: Hungernde Bauersleute essen ihren Kühen das Gras weg. (Foto: Toggenburger Museum, Lichtensteig)

Bei allem Gejammer über den verregneten Sommer: Europa und Nordamerika erlebten mal ein Jahr ganz ohne Sommer – die Folgen eines verheerenden Vulkanausbruchs in Indonesien 1815. Auch im Zürcher Oberland verhungerten im «Jahr ohne Sommer» Tausende.

Im 621-seitigen Heimatbuch der Zürcher Oberländer Gemeinde Bäretswil ist nachzulesen: «Die jämmerlichen Ernten von 1816/17 (...), ausgelöst durch einen weltweiten Klimaschock infolge eines Ausbruchs des Grossvulkans Tambora auf Indonesien, führen in unserem dichtbesiedelten Oberland zu einer Hunger-Katastrophe nie dagewesenen Ausmasses. Schon das Jahr 1816 beginnt mit einer ‘Seegfröni’. Das ganze Jahr bleibt kühl und nass. Noch im Juni fällt in Zürich Schnee bis zur Sihl herab. In unserem Hochland bleibt das kalte Weiss viel zu lange liegen. Der Juli präsentiert sich regnerisch und kühl. Kaum ein Tag erinnert an den Sommer. Ein grosser Teil der Frucht verfault, das Obst reift nur kümmerlich heran. Aus Hunger verzehren viele das Saatgut für das folgende Jahr.»

156 Hungertote in Bauma
Auf Gemälden ist zu sehen, wie verzweifelte Bauersleute ihren Kühen das Gras wegfressen. Schon in gewöhnlichen Jahren kamen die Zürcher Oberländer nur mit Nahrungszukauf über die Runden. Doch im Sommer 1816 und auch im Jahr danach stiegen die Preise für Mehl, Brot, Früchte und Kartoffeln ins Unermessliche. Im Bäretswiler Heimatbuch steht: «Vor allem der karg gewordene Verdienst der noch übrig gebliebenen Handspinner steht in keinem Verhältnis zur Hyperinflation der Preise. Selbst der Mittelstand ist bedroht. Die Regierung erklärt die Gemeinden Bäretswil, Bauma, Fischenthal und Sternenberg zu Notstandsgebieten 1. Klasse.» Der Oberländer Dichter Jakob Stutz beschreibt das Elend so: «Der Frühling kam, aber statt Wonne und Freude zeigte er Jammer und Elend. Es blühten die Blumen, es sangen die Vögel, aber die Menschen wehklagten und welkten dahin in Hunger und Krankheit. Scharenweise strömten die Bettler herbei, ihre blassen, aufgedunsenen Gesichter, die zusammengesunkenen Gestalten, die angeschwollenen Füsse, der matte Gang, o, wie war dies ein Bild des Jammers und entsetzlicher Not.» Allein im Dörfchen Bauma sterben 156 Personen an den Folgen der Hungersnot, vor allem Kinder und Greise. Von den 3000 Einwohnern in Bäretswil sind damals 633 Almosenempfänger und 449 Arme.

Hungersuppe dank Liebessteuer
Dank einer in den Kirchen gesammelten, sogenannten Liebessteuer können zentnerweise Reis und Saatkartoffeln gekauft werden. Die russische Baronin Juliane von Kärdener im badischen Lottstetten verschenkt ihr ganzes Vermögen von 16 000 Goldfranken für die Hungernden im Oberland und wird selbst arm. Das eingehende Geld wird verwendet für den Ankauf von Reis, Kartoffeln, Hafer, Korn, Erbsen und Roggen zwecks Herstellung einer Hungersuppe. Allein in Bäretswil wird an 117 Tagen die sogenannte Rumfordsche Suppe 52655-mal ausgeschenkt.

Der Auslöser für das «Jahr ohne Sommer» und das darauffolgende Krisenjahr 1817 war der Ausbruch des Tambora-Vulkans in Indonesien. Er begann am 5. April 1815. Laut  dem Oeschger-Zentrum der Uni Bern «explodierte der Tambora am 10. und 11. April förmlich.» 50 Kubikkilometer Gestein wurden in die Atmosphäre geschleudert. Der oberste Drittel des Tambora wurde weggesprengt. Vor dem Ausbruch war der Vulkan 4300 Meter hoch, heute nur noch 2850 Meter. Die Explosionen war in einer Entfernung von 2600 Kilometern zu hören. Auf den wichtigsten Inseln von Indonesien starben schätzungsweise 90 000 bis 117 000 Menschen, weltweit nochmals so viele wegen Hunger und Krankheiten.

Der Tambora-Ausbruch stiess 60 bis 80 Megatonnen Schwefeldioxid in die Stratosphäre. Dort umkreiste die Schwefeldioxid-Wolke die Tropen und wurde innerhalb weniger Wochen zu Schwefelsäure oxidiert, die zu winzigen Tröpfchen, den Sulfataerosolen, führte. Diese Aerosole verminderten das Sonnenlicht und waren die primäre Ursache der auf den Tambora-Ausbruch folgenden globalen klimatischen Auswirkungen.

Max Kern

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