Heer: «Zu Beginn werde ich konservativ und materialschonend segeln»

Rund um die Welt mit der «Tut Gut.» IMOCA-Rennyacht. Foto: zVg

Kurz vor seiner mehrmonatigen Abwesenheit stellte sich Oliver Heer (35) an seinem Heimathafen in der Kempratner Bucht bei Rapperswil den «Obersee Nachrichten» zum Interview.

Oliver Heer, was hat Sie als Kind dazu inspiriert, auf dem Zürichsee mit dem Segeln anzufangen und diesen Traum weiterzuverfolgen?
Ehrlich gesagt war ich damals noch zu jung, um eine wirkliche Inspiration zu haben. Mein Vater setzte mich im Alter von fünf Jahren in ein Optimisten-Boot und ich drehte meine ersten Runden auf dem See in der Kempratner Bucht vor Rapperswil. So hat alles begonnen, und ich habe nie damit aufgehört. Der Segelsport hat mich von Anfang an fasziniert, und er vermittelt einem ein Gefühl von Freiheit – besonders als Kind, wenn man alleine auf einem Boot ist und die Eltern am Ufer stehen. Vor etwa zehn Jahren habe ich mein Hobby schliesslich zum Beruf gemacht.

Wie haben Ihre Erfahrungen als Kapitän des Hugo Boss IMOCA-Teams Ihre Vorbereitung auf die Vendée Globe beeinflusst?
Meine Erfahrungen als Kapitän des Hugo Boss-Teams haben mich definitiv geprägt. Ich gehöre wohl zu den technisch versiertesten Seglern im Feld, und ich habe bei Hugo Boss gelernt, wie wichtig eine gute Vorbereitung ist. Wenn bei einem Rennen etwas schiefgeht, liegt das Problem oft in der Vorbereitung, nicht während des Rennens. Diese Lektion ist besonders bei einem Rennen wie der Vendée Globe entscheidend.

Was macht die Vendée Globe für Sie zur grössten Herausforderung im Vergleich zu anderen Rennen?
Die Vendée Globe ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Die Herausforderung liegt in der Länge und Dauer des Rennens – etwa 90 Tage und 45 000 Kilometer ohne die Möglichkeit eines Zwischenstopps. Das bedeutet, dass das Boot extrem zuverlässig sein muss. Es dreht sich alles um die technische Vorbereitung, damit man nonstop um die Welt segeln kann.

Wie bereiten Sie sich körperlich und mental auf die extremen Bedingungen der Vendée Globe vor?
Körperlich trainiere ich regelmässig und gehe so oft wie möglich segeln, damit mein Körper an die Anstrengungen des Segelns gewöhnt bleibt. Mental arbeite ich seit zwei Jahren eng mit einem Mentalcoach, Professor Dr. Wolfgang Jenewein, zusammen. Das gibt mir das nötige Selbstbewusstsein, um allein um die Welt zu segeln.

Welche Rolle spielt Alex Thomson als Ihr Mentor in Ihrer bisherigen Segelkarriere?
Ohne Alex wäre ich heute ganz sicher nicht hier. Durch meine Rolle in seinem Team habe ich extrem viel gelernt und über 50  000 Seemeilen mit ihm zurückgelegt. Er hat mich auch dazu ermutigt, meine eigene Kampagne zu starten. Vor vier Jahren, während wir von Kapstadt nach England segelten, sagte er zu mir: «Oliver, du bist in der perfekten Position, um deine eigene Kampagne aufzubauen. Wenn du es jemals machen willst, dann jetzt.» Ohne ihn wäre ich heute nicht hier.

Welche technischen Herausforderungen erwarten Sie bei der Vendée Globe, und wie testen Sie Ihr Boot auf seine Grenzen?
Das Boot teste ich regelmässig während Trainingsregatten und auf längeren Überfahrten. In den letzten zwei Jahren gab es schon einige Schäden, die ich während Transatlantikregatten beheben musste. Was die technischen Herausforderungen angeht – wenn ich die im Voraus wüsste, wäre es natürlich einfacher. Es geht darum, das Boot so gut wie möglich vorzubereiten und für alle Eventualitäten gerüstet zu sein.

Was bedeutet es für Sie, der erste Deutschschweizer zu sein, der sich für die Vendée Globe qualifiziert hat?
Das bedeutet mir sehr viel. Offshore-Segeln ist in der Deutschschweiz kaum bekannt, und ich bin stolz darauf, als erster Deutschschweizer an der Vendée Globe teilzunehmen. Ich hoffe, durch meine Teilnahme diesen Sport in der Schweiz bekannter zu machen.

Können Sie uns von einem besonders schwierigen Moment auf See erzählen und wie Sie ihn überwunden haben?
Einer der schwierigsten Momente war im letzten Frühjahr, als mein Boot kenterte und ich keine Elektronik mehr hatte. Ich war noch 2300 Seemeilen von meinem Ziel in New York entfernt, und das Boot war mit Wasser vollgelaufen. Es war eine sehr harte Situation, aber dank meines Mentaltrainings, insbesondere der radikalen Akzeptanz, konnte ich die Herausforderung meistern und das Rennen beenden.

Wie balancieren Sie das Training, die Teilnahme an Rennen und die Finanzierung einer so ambitionierten Kampagne?
Das ist eine gute Frage. Die Leute sehen mich meist nur als Segler, aber in Wirklichkeit verbringe ich nur etwa ein Drittel des Jahres auf dem Boot. Den Rest der Zeit widme ich dem Management meiner Kampagne, der Sponsorensuche und der Betreuung meiner Partner. Man muss in allen Bereichen gut sein und Freude daran haben – und das habe ich.

Welche Botschaft möchten Sie jungen Seglern mitgeben, die von einer Teilnahme an der Vendée Globe träumen?
Wenn man einen Traum hat, sollte man ihn nicht aufgeben. Aber man darf auch nicht blauäugig sein. Es ist ein harter Job, bei dem man sieben Tage die Woche arbeitet. Es gibt Momente, in denen man aufgeben will, aber wenn man sein Ziel wirklich erreichen will, ist fast alles möglich.

Was sind Ihre kleinen Freuden während des Rennens?
Die gibt es nicht oft. Das Leben an Bord ist sehr spartanisch, und ich habe keine frische Nahrung. Aber wenn ich mich belohnen möchte, greife ich zu Trockenfleisch – das hebt die Stimmung sofort, selbst mitten im Ozean.

Welcher Verzicht wiegt bei der Vendée Globe am schwersten?
Die Isolation wird wohl die grösste Herausforderung für mich sein. Ich bin ein sozialer Mensch, und 90 Tage allein auf dem Meer zu sein, wird nicht leicht.

Wie sieht Ihr Schlafmanagement aus?
Als Solo-Segler schlafe ich maximal 30 bis 40 Minuten am Stück, verteilt über den Tag. Mein Ziel ist es, vier bis sechs Stunden Schlaf pro Tag zu bekommen, auch wenn es in kurzen Intervallen ist.

Wie lange dauert bei Ihnen ein Segelwechsel oder eine Halse?
Eine Halse dauert bei mir etwa 45 Minuten. Es gibt viel zu tun – vom Umverlagern des Ballasts bis hin zum Wechsel der Vorsegel. Das Manöver umfasst etwa 20 verschiedene Aufgaben.

Was ist schöner: Ablegen oder Ankommen?
Beides hat seinen Reiz. Man freut sich auf das Segeln, aber das Ankommen ist auch ein ganz besonderes Gefühl. Besonders bei der Vendée Globe wird das Ankommen ein einmaliges Erlebnis sein.

Wovor haben Sie am meisten Respekt?
Vor einem technischen Defekt, den wir in der Vorbereitung nicht berücksichtigt haben. Deshalb ist es wichtig, während der ersten zwei Drittel des Rennens konservativ und materialschonend zu segeln, um mich und das Boot in gutem Zustand zu halten.

(Interview: Thomas Hulliger)

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