Wie finden eine Sek-Lehrerin aus dem Säuliamt und ein Ostdeutscher, der in der Karibik Häuser baut, zusammen? Und wie landen sie zu zweit auf dem höchsten Hof des Kantons?
Der Biohof Geissegg auf 1025 Metern über Meer. Tamara (51) und Jörg (49) Stoller führen am Ende des Kantons den höchstegelegenen Landwirtschaftsbetrieb des Bezirks. Seit 2021. Das Leben hatte eigentlich ganz andere Pläne mit den beiden.
Tamara, die im Zürcher Säuliamt aufwächst, unterrichtet als Sek-Lehrerin zehn Jahre in Regensdorf, Glattbrugg und Buchs ZH. Im Alter von 37 hat sie Lust auf eine Veränderung. Am Strickhof macht sie berufsbegleitend die Lehre zur Landwirtin. Eines ihrer Lehrjahre verbringt sie auf dem Hof Wagenburg in Seegräben, wo geistig behinderte Menschen in die bäuerliche Welt eingegliedert werden. Was für ein Zufall: In der Hofgemeinschaft ist auch ein Ost-Deutscher als Arbeitsagoge (unterstützen Menschen mit erschwertem Zugang zur Arbeitswelt). Der Dresdner Jörg hat zuvor schon im Gartenbau und als Chauffeur gearbeitet. Jörg zu den «Obersee Nachrichten»: «Ich war nur auf der Durchreise, ich wollte wieder ans Meer.» In der Dominikanichen Republik, in Puerto Rico, Venezuela und auf Haiti baute er für deutsche Auswanderer Häuser. Doch in der Wagenburg schlägt Amors Pfeil zu. Jörg: «Statt dem Meer sehe ich jetzt das Nebelmeer. Es ist wirklich ein schönes Eggli.»
Holzfass für frisch Verliebte
Neun Mutterkühe der Rasse Hinterwälder mit ihren Kälbern verbringen die Nächte im Stall. Tamara: «Hinterwälder sind für den Handel zu klein und haben zu wenig Gewicht. Aber für steile Hänge wie hier oben sind sie super geeignet, weil so robust. Und: Die Älteste ist 17 – und immer noch gebährfreudig.» Im Stall leben auch 6 Geissen, die eben von ihrem Sommerquartier im Bündner Hochtal Avers zurückgekommen sind. Dazu kommen zwei Maultiere, ein Pferd, Hunde und Katzen. Als die Stollers 2021 den Pachtvertrag abschlossen, war ein Teil des Wohnhauses abgebrannt. Jetzt sitzen sie in der warmen Stube vor dem 1831 gebauten Kachelofen. Jörg: «Der Ofen ist nur zur Deko. Wir haben neu Bodenheizung.» Die Zentralheizung wird mit Holz befeuert. Vom Vorgänger konnten sie 100 Ster Holz übernehmen. Das reicht für die nächsten kalten Winter. Tamara: «Die letzten beiden Winter hatten wir nicht viel Schnee. Aber im April bekamen wir fast einen Meter.» Das sind die Momente, in denen Jörg auf seinen Range Rover 4x4 vier Ketten aufzieht. Im Winter kommt die Sonne erst zwischen 12 und 13 hinter dem Rücken des Schnebelhorns hervor. Die Alp auf der gegenüberliegenden Talseite sieht während des ganzen Winters gar keinen Sonnenstrahl. Übrigens: Ja, am Ende des Kantons gibt’s Handy-Empfang. Das Internet funktioniert auch. Tamara: «TV schaue ich nur übers Internet.» Im Haus gibt’s ein Gästezimmer. Und im Garten steht ein Holzfass mit Matratze drin. Tamara: «Da muss man wirklich verliebt sein.» Max Kern






